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Gerbert Frodl

Helmut Ditsch – Unnahbare Natur



Während der ersten, noch oberflächlichen und in erster Linie von Erstaunen getragenen Betrachtung eines der großen Gebirgsbilder von Helmut Ditsch kam mir sogleich der Begriff des Panoramas in den Sinn, das vom alten Brockhaus (1894) als „…Gesamtbild aller der Gegenstände in der Natur, welche man von einem bestimmten Punkte aus übersehen kann…“ definiert wird. Jene Panoramen, Die damit gemeint sind und wie sie das ganze 19. Jahrhundert hindurch dem Publikum mit malerischen Täuschungsmanövern, teils auch plastischen Versatzstücken Wirklichkeiten vorgaukelte und damit informative und bildende Schauerlebnisse vermittelt haben, lagen niemals im Sinn von Ditsch. Ihm geht es vielmehr um ein tiefes Naturgefühl, das von der eigenen intensiven und wiederholten Erfahrung genährt wird und das sich dem Beschauer sogleich nach dem Abklingen der Verwunderung über technische Meisterschaft, über Bewältigung des Riesenformats mitteilt.

Ob Gebirge, Wüste oder Eis – es ist nicht allein die gewaltige Natur die den Maler bewegt, sondern wohl ein Gefühl der Einigkeit mit dieser Natur – nicht zu verwechseln mit Einsamkeit. Auch die ist es – selbstverständlich –, die mitspielt, denn Menschen sind in den Bildern nicht zu finden und die Spuren ihres Wirkens nur in Ausnahmefällen. Die Bergriesen in den Anden zeigen sich ebenso unnahbar wie die bescheideneren Karawanken Südkärntens oder die turmhohen Eisabbrüche Patagoniens. Mit den Eisbildern hat Helmut Ditsch endgültig darauf verzichtet, die Anwesenheit menschlicher Existenz überhaupt als Möglichkeit zu erwägen. Hier zeigt sich die Natur nun eindeutig und ohne Kompromiss so wie sie vielleicht schon vor nahezu 200 Jahren von einigen Malern – allerdings unter religiösem Aspekt – gesehen wurde: nicht als Lebensraum von Menschen, sondern respekteinflößend, unantastbar und vielleicht sogar anbetungswürdig. So gesehen verliert die Anspielung auf die Panoramen des 19. Jahrhunderts ihre Sinnhaftigkeit, denn diese bezogen sich in erster Linie auf historische Begebenheiten (beliebt waren vor allem aufwendige Darstellungen von Schlachten) oder auf pittoreske Stätten menschlichen Zusammenlebens. Ditsch schafft mit seiner überrealistischen, geradezu naturfernen Malweise eine neue, sehr persönliche Wirklichkeit, die mit dem kunstgeschichtlichen Begriff des Fotorealismus überhaupt nichts zu tun hat. Es ist die mit malerischen Mitteln erreichte Aufarbeitung in sich ruhender Landschaft oder – wie im Fall der Eisbilder – ihrer Ausschnitte. Um zum Anfang dieser kurzen Betrachtung zurückzukehren, zum Staunen über die technische Perfektion in der Gestaltung von Riesenformaten. Weit darüber hinausgehend sieht sich der Betrachter in der Situation, an einem Naturerlebnis teilhaben zu dürfen, das der Künstler selbst erfahren hat und er wird auch etwas von jener Unnahbarkeit verspüren, die sich von der Natur auf die Bilder überträgt.

Gerbert Frodl ist Direktor der Österreichischen Galerie, Oberes Belvedere in Wien.



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